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	<title>Berger schreibt</title>
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	<description>Short Storys von Daniel Berger</description>
	<pubDate>Wed, 13 May 2026 13:41:09 +0200</pubDate>
	<ttl>60</ttl>
	<item>
		<title>Einhundert Prozent</title>
		<description><![CDATA[Beim Aura-Reading hatte Regina Kloß (40) mit Bestwerten abgeschnitten. Die Ergebnisse seien «wirklich sensationell», hatte die Aura-Expertin gleich mehrfach und überschwänglich bestätigt. Doch es gäbe noch Potenzial, meinte Madame Monique: Regina könne – und das sei selten – tatsächlich «perfekt» werden. Einhundert Prozent.
Ob sie das wolle, sei allein ihre Entscheidung.
Regina wollte das. Sie wollte perfekt sein, äußerlich wie innerlich.
Am Sonntagabend stand sie vor dem großen IKEA-Spiegel im Schlafzimmer und betrachtete ihren Körper. Sie wollte nicht nur blendend aussehen, auch ihr Charakter sollte makellos sein wie ihre Figur. Es war Zeit, ihr Leben radikal zu ändern. Und das nicht nur im Gym.
Es gab nur eine Altlast, und die saß nebenan im Wohnzimmer. Lümmelte auf dem Sofa. Zockte GoldenEye auf einem alten N64. Den hatte ihr Freund in einer Kiste gefunden und sogleich an den großen Fernseher angeschlossen. Sein Geld verdiente er als Telefonbetrüger,]]></description>
		<pubDate>Sat, 21 Feb 2026 17:11:16 +0100</pubDate>
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	<item>
		<title>Panik bringt nichts</title>
		<description><![CDATA[Normalerweise würden Blumen auf dem Tisch stehen. Doch Jonathan Blech hatte nicht mal einen Tisch, auf dem Blumen hätten stehen können.
«Erster Tag?», hatte der Hausmeister ihn gefragt und unumwunden zugegeben, dass sich niemand gekümmert hatte. Der Hausmeister hieß Bernhard Bunkus. Gemeinsam liefen sie nun schon seit einer halben Stunde durch das Gebäude, Bunkus vorlaufend, die langen Flure entlang. Bunkus leise schimpfend: Es wäre mal wieder typisch, alles bliebe an ihm hängen.
Schließlich fanden sie ein Büro mit einem freien Tisch: ein leeres Einzelbüro am Ende des Flures. Es gab zwar keine Fenster, aber für die ersten Tage würde das doch gehen – oder? Bunkus sah Jonathan hoffnungsvoll an; er schwitzte und atmete keuchend. Dann hustete Bunkus plötzlich so heftig, dass ihm ein Backenzahn ausfiel. Geschickt fing er ihn mit der Hand auf und steckte ihn rasch in die Kitteltasche. Jonathan tat so, als hätte er das nicht gesehen.
«Also?»
Jonathan nickte zaghaft,]]></description>
		<pubDate>Mon, 19 Jan 2026 11:32:30 +0100</pubDate>
		<link>https://bergerschreibt.de/texte/panik/</link>
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	</item>
	<item>
		<title>Marnie liest keine Türen</title>
		<description><![CDATA[Am Ende des langen Flures sangen sie gerade schräg Happy Birthday to youuu. Jemand hatte ein weiteres Jahr überlebt und belohnte sich und andere mit Fertigkuchen und Sprühsahne. Elmer Edison schüttelte den Kopf: Jeden Tag feierte hier jemand Geburtstag, jeden Tag sangen sie, jeden Tag gab es Kuchen – und er hockte allein in seinem Büro, das zwar fensterlos war, dafür aber wenig Miete verschlang.
In diesem fünfstöckigen Bürogebäude, das durch seine äußerliche Schmucklosigkeit kaum auffiel, befanden sich vor allem kleine Firmen und Kanzleien. Ganz oben residierte eine Marketing-Agentur, ganz unten ein Vertrieb für Schrauben. Außerdem konnten Einzelpersonen kleinere Büros mieten: Da waren einige Familienanwälte, freie Journalisten und ein Schriftsteller, der mittelmäßige Romane schrieb. (Elmer wollte auch schreiben, aber er konnte das nicht.)
Jemand klopfte an seine angelehnte Bürotür. Elmer schreckte auf und murmelte: «Hm, bitte?»
Herein kam eine Frau, klein und schielend.]]></description>
		<pubDate>Thu, 11 Dec 2025 11:30:43 +0100</pubDate>
		<link>https://bergerschreibt.de/texte/marnie/</link>
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	</item>
	<item>
		<title>Margret gehört ins Jenseits</title>
		<description><![CDATA[Im Jenseits kippelt jeder verdammte Tisch und alles klebt. Der Fußboden, der Tresen, die Tische und sogar die Wände. Stört aber keinen.
«Unsere Gäste wollen trinken und sich verlieben», diktierte Margret der Lokaljournalistin in den Block. Sie hatte sofort bei der Lokalzeitung angerufen, nachdem Herr Glombinski ihr die Schlüssel für die kleine Kneipe überreicht hatte. Die Volontärin versuchte nun, Margrets Redefluss mitzuschreiben.
«Das Jenseits hieß vorher Abseits», erklärte Margret. «Jedes Wochenende Fußball, aber kein gutes Trinkgeld. Und dann noch die besoffenen Fans in der Kneipe!»
Für Ballsport hat Margret nichts übrig. Sie kann Fußball nicht leiden, man könnte auch sagen: Sie hasst diesen scheiß Sport. «Aber schreiben Sie das nicht!»
Die uralten Fernseher kamen weg und die Fußballfans nie wieder.
«Und warum Jenseits als neuer Name?», fragte die junge Journalistin.
Margret habe eine makabre Vorliebe für den Tod und das süße Leben danach, erklärte sie leicht euphorisch.]]></description>
		<pubDate>Mon, 01 Dec 2025 11:55:47 +0100</pubDate>
		<link>https://bergerschreibt.de/texte/margret-im-jenseits/</link>
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	</item>
	<item>
		<title>Schlicht aus der Hölle</title>
		<description><![CDATA[Als Ort für die Weihnachtsfeier diente eine Mehrzweckhalle am Stadtrand. Eine Stimmung wie in Hitlers Bunker; allzu lange wollte ich nicht bleiben.
Mein Bürokollege Alfred Schlicht stand mit einer Bierflasche in der Hand am Rand und schaute sich um. Leider entdeckte er mich sofort und ich fühlte eine zerrende Verpflichtung, ihm wenigstens Hallo zu sagen.
Also ging ich zu ihm hin und sagte: «Hallo.»
Alfred erwiderte den Gruß nicht. Seit einigen Wochen war er mein Bürokollege – und das kam so: Anna-Lena Heumüller, die eigentlich mit mir im Zweierbüro saß, hatte mit sehr vielen Tesafilm-Streifen einen gelben Zettel auf ihren Bildschirm geklebt, und sich schriftlich in den «langen Liebesurlaub» verabschiedet. Sie wolle auf Bali heiraten, erklärte der Zettel in schwungvoller Schönschrift, und danach reisen. (Mir hatte sie verraten, dass es auch darum ging,]]></description>
		<pubDate>Sun, 23 Nov 2025 13:49:57 +0100</pubDate>
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	</item>
	<item>
		<title>Nicht jeder erbt ein Schloss</title>
		<description><![CDATA[Das Büro des Notars war ein enges Kabuff. Überall türmten sich Papiere und Akten, lagen Snickers-Verpackungen herum. Menschen saßen dicht zusammen und standen eng nebeneinander. Meine Mutter war da und meine Schwester. Meine Großeltern waren da, weil sie ihren Sohn überlebt hatten. Ein paar Freunde meines Vaters waren da, manche von ihnen habe ich noch nie gesehen.
Der Notar drängelte sich an meinen Verwandten vorbei, Entschuldigungen murmelnd. Er ließ sich in seinen Sessel hinterm Schreibtisch fallen. Stöhnte und räusperte sich mehrmals.
«Guten Morgen allerseits – ich heiße Hugo von Waldhausen», sagte der Notar.
Hier und da erwiderten manche die Begrüßung, nuschelnd und verhalten.
«Möchte jemand etwas trinken?», fragte der Notar und schaute erwartungsvoll in die Runde.
«Haben Sie Orangensaft?», fragte meine Schwester.
Hugo zuckte mit den Schultern und rief seine Sekretärin herbei. Sie hieß Madeleine und erschrak, als sie das kleine Büro betrat,]]></description>
		<pubDate>Sat, 08 Nov 2025 16:12:34 +0100</pubDate>
		<link>https://bergerschreibt.de/texte/ein-grosses-erbe/</link>
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	</item>
	<item>
		<title>Der erste Tag</title>
		<description><![CDATA[Der Chef sei verstorben, erklärte die Frau salopp. Dann starrte sie wieder auf den Monitor, ohne sich zu bewegen, ohne zu tippen und ohne zu klicken. Sie saß einfach da, saß vor dem Bildschirm und tat nichts weiter. Wie eine Schaufensterpuppe, die halbtags in diesem Büro saß und auf den Bildschirm glotzte, sonst aber bei Karstadt im Schaufenster stand, um noch ein bisschen Geld zu verdienen.
«Danke», murmelte Finn, wandte sich ab und kehrte auf den Flur zurück. Auf dem Teppich lagen Teile der Decke, Fetzen und Splitter und Geröll. Aus einem Loch rieselte weißer Staub herab. Es war ein Brummen zu hören.
Der Flur verlief schnurgerade und verlor sich weiter hinten in einem diffusen Licht. Erstaunlich wenige Türen säumten den Flur, die meisten waren geschlossen. Aus den wenigen geöffneten Büros schien gelbliches Licht. Es fiel auf den grauen Teppich.
Finn war nach langem Zögern in das erste offene Zimmer getreten. Zaghaft hatte er an die angelehnte Tür geklopft,]]></description>
		<pubDate>Thu, 06 Nov 2025 16:15:30 +0100</pubDate>
		<link>https://bergerschreibt.de/texte/der-erste-tag/</link>
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	</item>
	<item>
		<title>Der letzte Klick</title>
		<description><![CDATA[Jahrzehntelang hatte die Vermilion Pencil Company die Kugelschreibermontage in hunderte Wohnzimmer ausgelagert. Hausfrauen wie Martina Schoppmann bekamen etwas Geld dafür, die Kugelschreiber in Handarbeit zusammenzubauen.
Martina saß also in ihrer kleinen Stube, schaute Privatfernsehen und baute nebenbei die kleinen Teile zusammen, klick-klack, wie in Trance. Sie war schnell und gut, sie nannte sich «die flinke Kuli-Martina». Es galt, das empfindliche Schraubgewinde keinesfalls zu überdrehen oder die Druckfeder zu verbiegen.
Ihre beiden Freundinnen Sabine Kohl, genannt Sabbel, und Cornelia Talbach, genannt Conny, waren von Martinas Fingerfertigkeit durchaus beeindruckt: Manchmal setzten sie sich dazu und saßen vormittags in den beiden Sesseln neben dem Sofa, in der Stube von Martina. Entspannt schauten sie dabei zu, wie die Hausfrau die Kulis gekonnt und geschwind montierte. Sie gerieten selbst in Trance – und Martina nahm 5 Mark «Eintritt» für eine Stunde Zugucken,]]></description>
		<pubDate>Tue, 04 Nov 2025 14:04:24 +0100</pubDate>
		<link>https://bergerschreibt.de/texte/der-letzte-klick/</link>
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	</item>
	<item>
		<title>Acht Beine auf der Flucht</title>
		<description><![CDATA[Meistens tat sie gar nichts. Verharrte regungslos in ihrem Unterschlupf und schlief. Lars versuchte, sie zu ignorieren, wenn er auf dem Teppich hockte und seine Hausaufgaben machte.
Allein sein Vater kümmerte sich um das Tier, gab ihr Heuschrecken zu fressen, wechselte das Wasser und machte das Terrarium sorgfältig sauber. Roland Vogelmann besaß die Vogelspinne seit einem Monat, seitdem wohnte sie in Lars’ kleinem Kinderzimmer.
«Es geht nicht anders», meinte Roland.
Es treten auf: Michi, die Vogelspinne (Acanthoscurria geniculata); Familie Vogelmann mit Vater Roland und Mutter Sandra sowie den beiden Kindern Lars und Natascha; Jens «Knöchel» Koslowski (1. Vorsitzender der Kolonie Waldliebe) und seine zweite Ehefrau Heike Koslowski (Arachnophobikerin).
Die Mietwohnung war winzig und Sandra Vogelmann duldete keine Spinnen im Schlafzimmer – und auch nicht in der Küche, im Wohnzimmer, im Flur und schon gar nicht im Badezimmer. Es gab zwar noch das Kinderzimmer von Natascha (6),]]></description>
		<pubDate>Sun, 02 Nov 2025 14:39:14 +0100</pubDate>
		<link>https://bergerschreibt.de/texte/acht-beine/</link>
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	</item>
	<item>
		<title>Oben röchelt der König</title>
		<description><![CDATA[Schwindmann atmete schwer, als sein Körper in den Ledersessel einsank. In der Luft lag ein intensives Herrenparfüm, das den stechenden Geruch überdecken musste. Der Gestank kam in Schüben aus seinem Mund, aus seinem Magen.
Eine Schönheit war er nicht, aber er hatte das Sagen: Klaus W. Schwindmann war Firmenerbe und Geschäftsführer der Schwindmann und Söhne GmbH &#x00026; Co. KG, Hersteller von Muffelöfen aller Größen. Er war der Firmenpatriarch an der Spitze. Sie nannten ihn ironisch «den König».
Schwindmann saß hinter seinem Schreibtisch. Vor ihm saß Regina Taube aus dem Marketing. Er habe sie einbestellt, erklärte der Chef, weil er Klarheit brauchte. Schwindmann nestelte an seinem zu breiten Krawattenknoten herum und räusperte sich wiederholt. Sein Körper war umhüllt von teurer Kleidung, die aber schlecht saß: Die Anzugärmel waren zu lang und die Schulterpolster lappten über seine weichen Schultern.
Seit seine zweite Ehefrau ihn für einen Flipper verlassen hatte,]]></description>
		<pubDate>Fri, 31 Oct 2025 14:52:59 +0100</pubDate>
		<link>https://bergerschreibt.de/texte/der-koenig/</link>
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	</item>
	<item>
		<title>Herr Klerpe ist da</title>
		<description><![CDATA[Erfolgsmensch – so sieht er sich selbst. Er überprüft seine Frisur im Rückspiegel und kontrolliert seine Zähne; dass da keine Salami am Schneidezahn klebt. Stefan Klerpe ist zufrieden, er sieht gut aus, da ist alles in Ordnung. Bei dem, was er tut, ist er außerordentlich erfolgreich: Er ist der beste Verkäufer des Monats, schon wieder, und vergangenes Jahr war er Dritter in der Jahreswertung. Dieses Jahr will er der Beste werden, der allerbeste Verkäufer im Bezirk: Platz #1 für Herrn Klerpe! Applaus, Applaus.
Auf dem Klingelschild steht «Tiedemann». Jedes Mal, wenn er bei Kunden klingelt und fröhlich seine Begrüßung trällert, denkt er heimlich: Dass er alle Menschen auf der Welt hasst, besonders die alten. Dass er am liebsten in einer Hütte im Wald wohnen würde. Dort gäbe es keine Klingel, dort wäre niemand – und niemand könnte ihn finden. Herr Klerpe wäre weg. Er schließt die Augen. Sieht den Wald vor sich. Er riecht die feuchte Erde und spürt die Wärme auf seiner Haut.]]></description>
		<pubDate>Mon, 13 Oct 2025 13:32:02 +0200</pubDate>
		<link>https://bergerschreibt.de/texte/herr-klerpe/</link>
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	</item>
	<item>
		<title>Der Bankräuber hat schöne Augen</title>
		<description><![CDATA[Walter Schlauch hat ein außergewöhnliches Hobby: Er überfällt gern Banken, am allerliebsten Sparkassen, wegen der netten Mitarbeiter. Finanziell nötig hat er das zwar nicht, denn seine jüngst verstorbene Mutter hat ihm ein mittleres Vermögen hinterlassen.
Doch Walter liebt den Nervenkitzel, die Anspannung in der Luft und auch die Angst in den Augen der Bankangestellten. Für einige Minuten hat er deren Leben quasi in der Hand, hat die Macht über Leben und Tod, findet er, obwohl er natürlich keine echte Pistole auf die Menschen richtet, sondern nur eine Attrappe (die gar nicht mal so echt aussieht). Was er den Menschen seelisch antut, versteht er nicht, hinterfragt er nicht. Posttraumatische Stresssyndrome sind ihm schnuppe: Walter Schlauch ist Misanthrop.
An einem Mittwoch im Mai lenkt Walter seinen alten Opel Kadett E auf den Parkplatz der Sparkasse Hodenhausen. Die Nummernschilder hat er sorgfältig abgeklebt – man kann nie wissen! Walter ist müde.]]></description>
		<pubDate>Tue, 30 Sep 2025 13:59:59 +0200</pubDate>
		<link>https://bergerschreibt.de/texte/bankraub/</link>
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	</item>
	<item>
		<title>Totenstille im Jenseits</title>
		<description><![CDATA[Nach der Séance war Anja schwer enttäuscht: Es hatte schon wieder nicht geklappt. Immerhin war es ihnen dieses Mal gelungen, kurz Kontakt mit Andreas Lochmann aufzunehmen – doch die Verbindung brach ab, bevor sie ihm die eine entscheidende Frage stellen konnte.
«Aufgelegt», scherzte das Medium und fügte eilig hinzu, dass die atmosphärischen Spannungen zu stark seien.
«Was bedeutet das?», fragte Anja.
«Schlechtes Seeing heute», antwortete das Medium und lächelte milde. «Die Sonnenstürme sind einfach zu heftig, außerdem stehen Jupiter und Saturn in einer ungünstigen Konstellation.»
Anja Lochmann erinnerte sich an die Worte ihres Therapeuten und atmete kräftig ein und aus. In der Wohnung des Mediums roch es nach Weichspüler.
«Es waren heute keine guten Voraussetzungen», resümierte das Medium achselzuckend, als wäre die Sachlage völlig klar.
Doch Anja verstand nichts von der Materie, und sie wusste kaum, wovon das Medium sprach.
«Es wäre halt schön gewesen,]]></description>
		<pubDate>Fri, 26 Sep 2025 11:42:39 +0200</pubDate>
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	</item>
	<item>
		<title>Hausverbot bei Edeka</title>
		<description><![CDATA[Bei Edeka habe er Hausverbot, sagt er stolz: «Wegen einer Bierkiste.» Die stand unten im Wagen, das hat die Kassiererin aber nicht gesehen. Der Ladendetektiv schon. Der hat Frederik am Ausgang abgefangen: «Bon, bitte!», rief er und streckte seine Hand aus. Die Kiste fehlte auf der Rechnung.Frederik grinst. Stört ihn nicht. Er geht jetzt einfach bei Rewe einkaufen.
Da stehen wir mit unseren Einkaufswagen. Ich habe ihn ewig nicht gesehen, Jahre nicht, vielleicht ein Jahrzehnt nicht. Früher sind wir zusammen in die Schule gegangen – in die Grundschule, die Orientierungsstufe und aufs Gymnasium. Frederik lebt noch immer im Ort. Andere Schulfreunde sind weggezogen, fürs Studium in eine andere Stadt gegangen, nach Göttingen, nach London. Nach Hamburg, nach Berlin. Ich bin noch immer hier, zwar nicht mehr im Ort, sondern in der Stadt. In der Stadt, die an den Ort angrenzt.
Ein anderer Schulfreund hat es bis nach China geschafft. Peter fuhr dort mit einem kleinen Roller durch den Smog,]]></description>
		<pubDate>Tue, 16 Sep 2025 12:49:52 +0200</pubDate>
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	</item>
	<item>
		<title>Marions Lieblingstasse</title>
		<description><![CDATA[Die Firma baute auch Panzer, aber das sollten die Mitarbeiter nicht so deutlich sagen. Der Formulierungsvorschlag aus der Geschäftsführung lautete: Das Unternehmen würde «den Streitkräften zuarbeiten». Dieter Rehbein interessierte das Wording kein bisschen. Er gab gern und ständig damit an, für einen deutschen Panzerhersteller tätig zu sein. Er fand’s außerdem richtig lustig, Öko-Pazifisten zu schocken.
«Diese Blicke immer, köstlich!», rief er vergnügt dem neuen Kollegen zu, der etwas verloren neben der Kaffeemaschine herumstand. In der Hand hielt er ausgerechnet die sonnengelbe Gute-Laune-Tasse.
«Junge, da hast du aber Schwein gehabt!», rief Dieter Rehbein, als er die Tasse erkannte.
«Wieso?», fragte der Neue irritiert.
«Das da ist Marions Lieblingstasse», erklärte Dieter. «Die hat aber Urlaub.»
Der Neue – er hieß offenbar Martin – entschuldigte sich bei ihm und murmelte: «Das wusste ich nicht.»
Dieter grinste und schlug dem Neuen freundschaftlich auf die Schulter;]]></description>
		<pubDate>Tue, 15 Jul 2025 13:49:08 +0200</pubDate>
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	</item>
	<item>
		<title>Liebe mit drei Buchstaben</title>
		<description><![CDATA[Mit der Liebe hat sie es eilig, deshalb geht sie zum Speeddating. Renate Heumann schaut in die geröteten Augen von «Mathias», der ihr gegenübersitzt. Er arbeitet im Vertrieb, was eigentlich schon ein Ausschlusskriterium ist, denn Außendienstler sind nie zu Hause, sondern rammeln sich fröhlich durch die Republik – das hat Renate oft genug im Fernsehen gesehen.

Am liebsten schaut sie Tatort, den sie immer aufnehmen muss, weil sie sonntags mit ihrer lieben Frau Mutter telefoniert. Die hat keinen Fernseher, weil sie sich für intellektuell hält.
«Aber das führt zu weit», unterbricht Renate sich selbst und fragt Mathias, was er in seiner Freizeit macht.
«Eigentlich nichts», gesteht er freimütig.
«Aha», brummt Renate. Schon sitzt der nächste Mann an ihrem Tisch.
Harald
Bereits auf den ersten Blick sieht «Harald» recht seltsam aus; irgendwie schräg montiert wie ein billiger Kleiderschrank, der nie perfekt schließt und immer knarzt, wimmert und wackelt. Harald redet zu leise,]]></description>
		<pubDate>Sat, 15 Mar 2025 13:47:09 +0100</pubDate>
		<link>https://bergerschreibt.de/texte/liebe-mit-drei-buchstaben/</link>
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	</item>
	<item>
		<title>Frühstück für eine Leiche</title>
		<description><![CDATA[Am Anfang waren es nur kleine Tiere gewesen: eine Ratte, eine Taube oder ein Igel. Sie verwesten in seinem Bett, und der kleine Thilo lag daneben und fand das schön. Seine Eltern empfanden sein morbides Interesse hingegen als merkwürdig. Doch weil sie keine Zeit und Lust hatten, konnten und wollten sie sich nicht um ihren stillen Sohn kümmern. Sie ließen ihn einfach machen.
Später reichten Thilo die Tiere nicht mehr, die Katzen und Hunde aus der Nachbarschaft. Da hatten ihn seine Eltern längst überredet, endlich auszuziehen. Sein Vater zahlte die Miete für eine stickige Einzimmerwohnung am Stadtrand. Das war der Deal. Manchmal kamen sie zu Besuch, dann kaufte Thilo beim Bäcker süßen Erdbeerkuchen. Dazu tranken sie Kaffee mit viel Milch. Die Schlafzimmertür blieb stets verschlossen; ein süßlicher Geruch hing in der Luft.
«Schön hast du es hier», behauptete sein Vater und lächelte sozusagen. Der Junge nickte, es ging ihm gut.
Ob er denn eine Freundin hätte, fragte seine Mutter.]]></description>
		<pubDate>Wed, 19 Feb 2025 09:57:22 +0100</pubDate>
		<link>https://bergerschreibt.de/texte/leiche/</link>
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	</item>
	<item>
		<title>Beruf: Hellseher</title>
		<description><![CDATA[Der Hellseher hieß Roland Riemann, er nannte sich aber «Sauron, der Seher». Seine Klienten empfing er montags bis mittwochs in seiner Einzimmerwohnung unterm Dach; donnerstags und freitags musste er sich um seine senile Mutter kümmern. (An den anderen Tagen übernahm das sein Zwillingsbruder Ronald Riemann.) Die Mutter der Riemann-Brüder musste gründlich gewaschen und gewachst werden, außerdem verlangte sie, dass die «Sohnemänner» ihr den Wirtschaftsteil vollständig vorlasen.
«Aber bitte klar, deutlich und langsam!»
Roland (der Seher) hatte allerdings hartnäckige Schwierigkeiten mit der ordentlichen Aussprache. Seit seiner Kindheit neigte er dazu, selbst die einfachsten Wörter falsch zu betonen und grob zu vernuscheln. In seinem Beruf als Hellseher war sein sprachlicher Makel jedoch von Vorteil: Seine Vorhersagen murmelte er ebenfalls undeutlich in die Ohren seiner Klienten, die auch nur dreimal darum baten, das Gesagte zu wiederholen,]]></description>
		<pubDate>Tue, 18 Feb 2025 20:32:57 +0100</pubDate>
		<link>https://bergerschreibt.de/texte/beruf-hellseher/</link>
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	</item>
	<item>
		<title>Seltsamer Mörder</title>
		<description><![CDATA[Seit Peter Seltsam mutmaßlich seine Frau umgebracht hatte, war die Stimmung im «Steinkrug» ziemlich mies. Das fand zum Beispiel Wilhelm Schmalz, der jeden Tag herkam, Kaffee trank und Geschichten erzählte. Auch Peter Seltsam kam trotz seiner Tat weiterhin täglich in den Krug und trank am Tresen sein erstes Malzbier. Später setzte er sich zu «seinen Jungs» an den großen Tisch, zu Andreas, Jens, Jochen und Günther. Dabei ignorierte Peter Seltsam, dass es nicht mehr «seine Jungs» waren. Er ignorierte außerdem, dass sie ihn ignorierten.
Peter S., der mutmaßliche Frauenmörder, war ein unerwünschter Außenseiter. Anfangs hatte er noch versucht, wenigstens einfache Gespräche mit seinen angeblichen Freunden zu beginnen: «Heiß heute, ne?»
Doch die vier Männer taten eisenhart so, als würde Peter schweigen, als wäre dieser Mann ein Geist – als wäre nicht seine Frau gestorben, sondern er.
Es treten auf: die Steinkrug-Stammgäste Helga M. Wortmann und ihr Ehemann;]]></description>
		<pubDate>Tue, 18 Feb 2025 14:11:51 +0100</pubDate>
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	</item>
	<item>
		<title>Schmiedel muss gehen</title>
		<description><![CDATA[Seit zweiundzwanzig Jahren saß Iris Schmiedel auf diesem Bürostuhl. Als sie am Vormittag das ausgelassene Gelächter hörte und kurz darauf Julia-Maria Beier aus dem Büro des Chefs kommen sah – da wusste Frau Schmiedel, dass es nun vorbei war.
Seit zweiundzwanzig Jahren schrieb sie Rechnungen und Mahnungen, sortierte Aufträge und ging zwischendurch gut gelaunt ans Telefon: «Holzwerkstatt Schmackes, Schmiedel am Apparat.»
Fünf Stunden am Tag tat sie das, montags bis donnerstags, von 8 bis 13 Uhr. Freitags hatte sie frei, da löste sie Kreuzworträtsel und schrieb Gedichte. Nachmittags fuhr sie mit dem Rad zur Koppel am Ortsausgang und beschimpfte dort die Pferde von Bauer Beier.
Noch drei Jahre bis zur Rente.
Nachdem Julia-Maria das Büro vom Chef verlassen hatte, hing ihr süßlicher Duft noch ein paar Minuten in der Luft. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt und ihr missfiel der Gedanke, einer anstrengenden Lohnarbeit nachzugehen. Das gab sie offen zu.]]></description>
		<pubDate>Mon, 17 Feb 2025 21:03:21 +0100</pubDate>
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