Short Story

Der Bankräuber hat schöne Augen

Das ist ein Überfall! Kein Grund, sich nicht zu verlieben – der Bankräuber hat schließlich schöne Augen.
Lesezeit: 3 Min.

Walter Schlauch hat ein außergewöhnliches Hobby: Er überfällt gern Banken, am allerliebsten Sparkassen, wegen der netten Mitarbeiter. Finanziell nötig hat er das zwar nicht, denn seine jüngst verstorbene Mutter hat ihm ein mittleres Vermögen hinterlassen.

Doch Walter liebt den Nervenkitzel, die Anspannung in der Luft und auch die Angst in den Augen der Bankangestellten. Für einige Minuten hat er deren Leben quasi in der Hand, hat die Macht über Leben und Tod, findet er, obwohl er natürlich keine echte Pistole auf die Menschen richtet, sondern nur eine Attrappe (die gar nicht mal so echt aussieht). Was er den Menschen seelisch antut, versteht er nicht, hinterfragt er nicht. Posttraumatische Stresssyndrome sind ihm schnuppe: Walter Schlauch ist Misanthrop.

An einem Mittwoch im Mai lenkt Walter seinen alten Opel Kadett E auf den Parkplatz der Sparkasse Hodenhausen. Die Nummernschilder hat er sorgfältig abgeklebt – man kann nie wissen! Walter ist müde. Einerseits hat er keine Lust auf die große Show. Andererseits ist ihm fad und seine Frau ist krank, geht also nicht zur Arbeit, sondern liegt zu Hause auf dem Sofa und schaut die grässlichsten Fernsehsendungen. Das Mittagsprogramm ist die reinste Zumutung – Walter guckt, wenn überhaupt, untertitelte Dokumentationen auf Arte. Eifrig schreibt er alles mit, was er später nachprüfen will, da ist er sehr gewissenhaft. Seine Frau, findet er, bleibt immer an der Oberfläche. Seine Ehe ist längst kein Hit mehr, muss Walter sich eingestehen. Aber mal schauen.

Er knallt die Tür vom Kadett zu und stiefelt los. Skimaske hat er auf, Handschuhe an und die Spielzeugwaffe in der Hand. Er betritt den Kundenraum, keine Kunden da, nur die beiden Angestellten, die an ihren Pulten lehnen und gähnen.

Walter ruft: «Überfall! Hände hoch!»

Alle sind plötzlich hellwach und konzentriert. Es läuft wie immer. Langweilig. Manchmal wünscht sich Walter, dass ein Held sich aufspielt, ihn angreift, ihn spontan attackiert. Erschießen könnte er den Helden zwar nicht, klar, aber er weiß, wie man eine Nase bricht und wohin er zu schlagen hat, um den Kontrahenten rasch außer Gefecht zu setzen. Das hat Walter damals bei den Bullen gelernt, lange her, er redet nicht gern darüber.

Die Bankangestellte bleibt erstaunlich cool. Sie lächelt sogar. Schöne Zähne.

«Ich mag Ihre Augen», gesteht sie freimütig und ergänzt, dass sie Marion heiße. Zum Beweis tippt sie mit dem Zeigefinger auf das Namensschild an ihrem Blazer.

Walter hat immer zwei ALDI-Tüten dabei, in die er das Geld verstauen lässt.

«Wie nett von Ihnen», sagt er und vergisst, seine Stimme zu verstellen. Er imitiert gern Akzente, zum Beispiel einen osteuropäischen oder auch mal einen asiatischen. Klingt echt übel, aber Walter hat großen Spaß daran. Jetzt säuselt er fast, als er sich nach Marions Telefonnummer erkundigt. Sie notiert die Nummer auf einem Zettel und steckt ihn zu den Geldscheinen in die Plastiktüte. Sie lächelt und wünscht ihm einen «wunderschönen Tag».

Als Walter wieder in seinem Kadett E sitzt, spürt er sein Herz schnell schlagen. Pochen. Hämmern. Rasen. Und er weiß, das kommt nicht von der Aufregung, nein, nein! Walter, dieser olle Misanthrop, hat sich verliebt.

Dann muss er aber rasch los, die Bullen kommen.