Miniatur

Marnie liest keine Türen

Eine Frau will wissen, wohin ihr Mann sonntags wirklich verschwindet. Kann Elmer dieses Rätsel lösen? Eher nicht.
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Am Ende des langen Flures sangen sie gerade schräg Happy Birthday to youuu. Jemand hatte ein weiteres Jahr überlebt und belohnte sich und andere mit Fertigkuchen und Sprühsahne. Elmer Edison schüttelte den Kopf: Jeden Tag feierte hier jemand Geburtstag, jeden Tag sangen sie, jeden Tag gab es Kuchen – und er hockte allein in seinem Büro, das zwar fensterlos war, dafür aber wenig Miete verschlang.

In diesem fünfstöckigen Bürogebäude, das durch seine äußerliche Schmucklosigkeit kaum auffiel, befanden sich vor allem kleine Firmen und Kanzleien. Ganz oben residierte eine Marketing-Agentur, ganz unten ein Vertrieb für Schrauben. Außerdem konnten Einzelpersonen kleinere Büros mieten: Da waren einige Familienanwälte, freie Journalisten und ein Schriftsteller, der mittelmäßige Romane schrieb. (Elmer wollte auch schreiben, aber er konnte das nicht.)

Jemand klopfte an seine angelehnte Bürotür. Elmer schreckte auf und murmelte: «Ja, bitte?»

Herein kam eine Frau, klein und schielend. (Im Hintergrund weiterhin der fröhliche Gesang.)

«Guten Tag», grüßte die Frau. «Sie sind doch Privatdetektiv, oder?»

«So steht es an der Tür.»

«Entschuldigen Sie, aber ich lese keine Türen», sagte die Frau und setzte sich auf den Stuhl vor Elmers Schreibtisch, der vom Sperrmüll war, wie auch sein eigener Stuhl.

«Man hat Sie mir empfohlen», sagte die Frau.

«Das bezweifle ich.»

Applaus ertönte und Gelächter. Hoch soll sie leben!

«Ich heiße Marnie Morrison.»

«Angenehm. Elmer Edison.»

«Sehen Sie, Elmer Edison: Mein Ehemann ist sonntags immer weg, den ganzen Tag lang. Er sagt, er würde spazieren gehen, aber wenn Sie meinen Mann kennen würden, wüssten Sie, dass dies eine absurde Lüge ist, die von fehlender Fantasie zeugt. Mein Mann nörgelt doch schon, wenn er die Briefe aus dem Briefkasten holen soll! Wissen Sie, das sind von der Haustür gemessen maximal neun Schritte. Und da nörgelt er schon – jedes Mal meckert der.»

«Und dann sind’s doch nur wieder Rechnungen.»

«…»

«…»

«Jedenfalls glaube ich nicht, dass er den ganzen Tag spazieren geht», sagte Marnie Morrison und betrachtete irritiert den Teppich zu ihren Füßen. Dieses schreckliche Muster konnte akute Kopfschmerzen verursachen, fiese Migräne mit Aura und Erbrechen.

«Frische Luft ist angeblich gesund», sagte Elmer und atmete etwas tiefer ein als gewöhnlich, um den herbsüßlichen Duft der Frau einzusaugen.

«Nö», sagte Marnie und klang überzeugt. In diesem Büro ohne Fenster roch es nach giftigem Kleber.

«Verstehe», log er.

«Was ich von Ihnen möchte, Herr Edison: Gehen Sie ihm hinterher und gucken, was er sonntags wirklich macht.»

«Machen Sie das doch.»

«Nein, nein. Der riecht doch, wenn ich hinter ihm her bin, besonders bei Rückenwind.»

«Sie duften tatsächlich sehr angenehm, wenn mir diese Bemerkung gestattet ist.»

«Wie freundlich von Ihnen. Ich gebe mir Mühe, olfaktorisch stets zu gefallen. Was eben auch Nachteile hat. Und ich möchte ehrlich zu Ihnen sein: Mir liegt das Spazierengehen nicht, ebenso wenig die Beschattung und Verfolgung.»

«Also schön, ich kann das natürlich für Sie machen, Ihren Mann beschatten. Haben Sie denn ein aktuelles Lichtbild von ihm?»

Marnie Morrison legte ein unscharfes Foto auf den Schreibtisch und stand auf.

«Machen Sie das für mich. Nächste Woche komme ich wieder und bezahle. Schönen Tag noch.»

Als Elmer wieder allein war, gähnte er ausgiebig und schob ein tiefes Seufzen hinterher. Der Duft von Marnie blieb noch lange in der Luft.