Short Story

Einhundert Prozent

Regina optimiert ihre Aura bis zur Perfektion. Doch statt Glück verspürt sie nur eine große Leere. Na toll!
Lesezeit: 7 Min.

Beim Aura-Reading hatte Regina Kloß (40) mit Bestwerten abgeschnitten. Die Ergebnisse seien «wirklich sensationell», hatte die Aura-Expertin gleich mehrfach und überschwänglich bestätigt. Doch es gäbe noch Potenzial, meinte Madame Monique: Regina könne – und das sei selten – tatsächlich «perfekt» werden. Einhundert Prozent.

Ob sie das wolle, sei allein ihre Entscheidung.

Regina wollte das. Sie wollte perfekt sein, äußerlich wie innerlich.

Am Sonntagabend stand sie vor dem großen IKEA-Spiegel im Schlafzimmer und betrachtete ihren Körper. Sie wollte nicht nur blendend aussehen, auch ihr Charakter sollte makellos sein wie ihre Figur. Es war Zeit, ihr Leben radikal zu ändern. Und das nicht nur im Gym.

Es gab nur eine Altlast, und die saß nebenan im Wohnzimmer. Lümmelte auf dem Sofa. Zockte GoldenEye auf einem alten N64. Den hatte ihr Freund in einer Kiste gefunden und sogleich an den großen Fernseher angeschlossen. Sein Geld verdiente er als Telefonbetrüger, während Regina als Verkäuferin in einem Supermarkt schuftete. (Lange Zeit hatte Jan Blohm (42) in einer Dynamit-Fabrik gearbeitet – aber sie hatten ihn fristlos entlassen, weil er geklaut hatte. Für Silvester.)

Sie hörte ihn nebenan fluchen. Er spielte mit großer Wut und nie sehr gut; sie musste sich dringend von diesem Nichtsnutz trennen, ahnte sie. Doch sie liebte ihn, trotz seiner Mängel. In letzter Zeit kam er allerdings gar nicht mehr raus der Jogginghose. Jan fraß nur noch Salami-Pizza, außerdem rauchte er zu viel, trank zu viel und hörte nie zu. Vor einem Jahr war er bei ihr eingezogen – und das war ein Problem, denn unordentlich war er auch. Doch sie liebte ihn. Sie wusste nicht, warum.

Regina buchte am Handy einen Termin für eine Aura-Kalibrierung. Sie hatte beschlossen, Perfektion anzustreben und Geld zu investieren – es war eine Investition in die Zukunft, das Schicksal würde es endlich gut mit ihr meinen.

Jan muss endlich aus dem Quark kommen, dachte sie und verließ das Schlafzimmer. Sie schauten gemeinsam Tatort. Jan schlief wie immer dabei ein und schnarchte. Er wusste nie, wer der Mörder war.

Montag

Am Montag wurde Regina Kloß Opfer einer spontanen Geiselnahme. Ein junger Mann war in den Supermarkt gestürmt, hatte erst in die Wassermelonen geballert und dann die Belegschaft als Geiseln genommen: Regina, den Filialleiter Frederik und den Praktikanten, dessen Namen sie nicht kannte. Die Geiselnahme dauerte bis 19:30 Uhr, dann waren die Verhandlungen erfolgreich beendet. Die Polizei nahm den verwirrten Geiselnehmer fest, und Regina ging zur Bushaltestelle.

«War das Arbeitszeit?», fragte sie Frederik zum Abschied.

Wahrscheinlich nicht, erwiderte der Filialleiter und zuckte die Schultern.

Dummes Arschloch, dachte Regina. Der Bus kam nicht, sie musste den nächsten nehmen. Am Donnerstag würde sie nach dem Face Care zur Aura-Kalibrierung gehen; 150 Euro pro Sitzung würden fällig werden. Fünf Sitzungen wären vorerst nötig, hatte Madame Monique geschätzt.

Das war schon viel Geld. Sie musste sich etwas einfallen lassen, um ihr Vorhaben erfolgreich zu finanzieren. Ihren Freund konnte sie nicht bitten: Jan brauchte selbst viel Geld und hatte kaum welches. Neulich hatte er sich von seinen Eltern die Summe für die Haartransplantation leihen müssen, was vor allem seiner Mutter gar nicht gefiel: Sie war krankhaft geizig und lag viele Nächte lang wach, ob der Ungewissheit, das verliehene Geld jemals von ihrem Sohn zurückzubekommen. Jans Mutter (66) beschloss, sich stärker einzuschränken, um den mutmaßlichen finanziellen Verlust möglichst zügig auszugleichen. Keine Schokolade mehr! Nur noch kalt duschen! Und das Licht im Flur würde nun ausbleiben!


Madame Monique – die in Wahrheit Sandra Ihrke hieß – war eine ziemliche Gaunerin. Auch sie hatte sich am Telefonbetrug versucht, war bei den Schockanrufen aber stets in schallendes Gelächter ausgebrochen – sie konnte sich in dieser Rolle schlicht nicht ernst nehmen. Als Aura-Kalibratorin hielt sie es aber ganz gut aus. Sie hatte sich ein Gerät zusammenlöten lassen, das dem Ding ähnelte, das die Idioten von der Scientology nutzten, um Leute reinzulegen. Ihr Sohn (14) hatte ihr zudem eine ordentliche Website «programmiert» und seitdem lief das Geschäft zufriedenstellend. Unter dem Namen Madame Monique bot Frau Ihrke an, die Farbe der Aura zu bestimmen und deren Energie mit ihrem Gerät zu lesen. Zur Vorbereitung hatte sie kurz im Internet nachgeguckt, nun wusste sie, was Chakra war und Ektoplasma und Photonenemissionen.
«Kannst du nicht Bankerin sein?», hatte ihr Sohn gefragt, aber Sandra Ihrke wollte sich nicht verkleiden.

Donnerstag

Regina hatte Jan überreden können, also saß er neben seiner Freundin, als Madame Monique ihr die beiden Metallrollen in die Hände drückte.

«Wir beginnen», sagte sie und schaltete das seltsame Gerät an. Es leuchteten einige LEDs in den Farben Gelb, Grün und Rot. Es surrte zudem und piepte nach dreißig Sekunden.

«Es geht los», kommentierte Madame Monique.

Jan unterdrückte ein Gähnen.

Eigentlich war es Kundinnen nicht erlaubt, Gäste mitzubringen, vor allem keine Liebhaber, die nur Ärger machten. Bei Regina musste Madame Monique aber eine Ausnahme machen – zu viel Geld hatte sie dieser lächerlichen Person bereits abgeknöpft.

«Deine Aura ist weiterhin blau», sagte Monique.

Regina lächelte. Sie war so stolz, und ihr Freund sollte das sehen! Doch er guckte nur in die Luft, die nach Lavendel roch.

«Es geht vorwärts, ich lese einen Wert von 90», sagte Monique. «Sensationell, Regina. Wirklich.»


«Verstehst du nun, warum du mir 300 Euro leihen sollst?», fragte Regina, als sie mit Jan an der Bushaltestelle rauchte.

«Ne, eigentlich nicht.»

«Du bist einfältig und ignorant», schimpfte Regina.

Ein älterer Herr, der ebenfalls auf den Bus wartete, beäugte sie.

«Die hat doch nur ne Show abgezogen!», rief Roland. «Die is ’ne miese Trickbetrügerin. Siehst du das nicht? Wie blöd bist du?»

«Madame Monique ist eine Koryphäe auf ihrem Gebiet, und du bist ein lausiger Lump, der nur Pizza frisst und den–»

Jan hatte ohne Vorwarnung zugeschlagen. Es war kurz still. Der ältere Herr starrte schockiert.

«Ach, ich geh Kippen kaufen», kommentierte Jan seinen Abgang und entfernte sich schnellen Schrittes vom Tatort.

Regina verblieb am Boden und fing mit den Händen das Blut auf, das ihr aus der Nase strömte. Der ältere Herr half mit einem Stofftaschentuch aus (das leider bereits benutzt gewesen war). Immerhin sagte er später vor Gericht als Zeuge aus und beschrieb den Ablauf der Tat detailreich. Der Richter wirkte zunehmend genervt.

-Die Polizei verhaftete Jan Bohm, als er keine hundert Meter entfernt am Kiosk «Durst Express» billige Zigaretten und eine Cola Light erwarb. Er leistete milden Widerstand gegen die Staatsgewalt und erklärte wiederholt, eine Art epileptischen Anfall erlitten zu haben. Er könne sich an nichts mehr erinnern, womöglich habe er einen Schlaganfall erlitten und sei keineswegs zurechnungsfähig.


Die einhundert Prozent erreichte Regina nach weiteren vier Sitzungen; das Geld hatte sie sich von Frederik (dem Filialleiter) geliehen. Sie rechnete mit einer hohen Summe, die Jan und der Supermarktgeiselnehmer als Schadenersatz zahlen würden; doch beide Verfahren zogen sich in die Länge.

Sie hätte schon fast aufgegeben, aber Madame Monique hatte sie zu einer allerletzten Sitzung überredet – und prompt hatte das seltsame Gerät erst 99 und dann tatsächlich 100 Prozent Aura angezeigt. Ausdrucken konnte Monique das Ergebnis leider nicht, doch sie versprach ihr, eine Urkunde anzufertigen, eine Art Zertifikat. Regina nahm den Bus nach Hause und rief von unterwegs Frederik an. Der war verhalten stolz auf seine neue Freundin und erkundigte sich beiläufig, wann mit einer Rückzahlung des geliehenen Geldes zu rechnen sei.


Am Abend stand Regina in ihrem Schlafzimmer vor dem IKEA-Spiegel. Sie war überwältigt. Einhundert Prozent Aura! Doch dann breitete sich eine Leere in ihr aus. Sie hatte es geschafft. Und nun?

Im Wohnzimmer war es ruhig. Jan hatte den Fernseher abgebaut und mitgenommen, ebenso seine Spielekonsole. Man konnte die Nachbarn von oben hören. Wie sie stritten und stampften. Es wurde geweint. Später kam Frederik vorbei und sie schauten Tatort. Frederik kommentierte jede Szene ausführlich und identifizierte den Täter bereits nach zehn Minuten.