Herr Klerpe ist da
Erfolgsmensch – so sieht er sich selbst. Er überprüft seine Frisur im Rückspiegel und kontrolliert seine Zähne; dass da keine Salami am Schneidezahn klebt. Stefan Klerpe ist zufrieden, er sieht gut aus, da ist alles in Ordnung. Bei dem, was er tut, ist er außerordentlich erfolgreich: Er ist der beste Verkäufer des Monats, schon wieder, und vergangenes Jahr war er Dritter in der Jahreswertung. Dieses Jahr will er der Beste werden, der allerbeste Verkäufer im Bezirk: Platz #1 für Herrn Klerpe! Applaus, Applaus.
Auf dem Klingelschild steht «Tiedemann». Jedes Mal, wenn er bei Kunden klingelt und fröhlich seine Begrüßung trällert, denkt er heimlich: Dass er alle Menschen auf der Welt hasst, besonders die alten. Dass er am liebsten in einer Hütte im Wald wohnen würde. Dort gäbe es keine Klingel, dort wäre niemand – und niemand könnte ihn finden. Herr Klerpe wäre weg. Er schließt die Augen. Sieht den Wald vor sich. Er riecht die feuchte Erde und spürt die Wärme auf seiner Haut. Herr Klerpe ist da, er sieht das weiße Gesicht von Frau Tiedemann.
«Schönen guten Tag, Klerpe mein Name.» Er streckt der alten Frau die Hand entgegen. «Darf ich eintreten?»
«Wenn’s sein muss», grummelt Frau Tiedemann und lässt ihn rein.
Herr Klerpe sagt seine Sprüche auf, er muss sich konzentrieren und die Vorteile mehrmals benennen. Alles wiederholen, wiederholen. Und laut sprechen. Deutlich. Wiederholen, wiederholen.
Er kann den Menschen tief in die Seele schauen, durch die Augen natürlich, diese staubigen Spiegel der Seele – weiß er doch alles. In den Äuglein sieht er rasch, ob das etwas wird, ob die ihm seinen dämlichen Staubsauger abkaufen – Entschuldigung: das innovative Wasserreinigungssystem, das keinen Staubsaugerbeutel mehr braucht, sondern den Dreck aus den Teppichen saugt und ins Wasser pumpt. Begeistert zeigt er auf das braune Brackwasser:
«Schauen Sie doch mal, was da alles in Ihren Teppichen schlummert.»
Bah, ekelhaft! Wollen Sie das? – Nein, natürlich nicht! Die Leute möchten es ordentlich haben. Sie mögen es sauber. Steril. Sie hassen den Schmutz, den Staub, die Krümel. Hassen es, dass sie ihr eigenes Zuhause nicht mehr ordentlich halten können. Weil alles wehtut. Weil sie den Dreck kaum noch sehen.
Weil es schlicht nicht mehr geht.
Tausend Euro kostet das System. Ohne Zubehör. Wirklich sinnvoll ist das System aber nur im Gesamtpaket mit den Saugaufsätzen und einigen Ersatzteilen. Das gibt es zum Sonderpreis: 1399 Euro und 95 Cent.
«Aber nur heute, nur für Sie. Das ist doch was!»
Frau Tiedemann hält einen Aufsatz in der Hand. Sie ist ratlos.
«Und diesen besonders praktischen Spezialaufsatz, liebe Frau Tiedemann, den bekommen Sie von mir kostenlos dazu», säuselt Klerpe erregt und holt aus seinem Musterkoffer einen weiteren Aufsatz heraus, der genau wie der andere aussieht.
Die alte Dame lächelt milde. Er kann sie nicht lesen, sie lässt es nicht zu.
«Wissen Sie, Herr Klerpe, ich habe in meinem Leben schon viele Dinge besessen und auch wieder verloren. Das Einzige, was mir immer geblieben ist, sind meine Erinnerungen.»
Klerpe wird kotzübel.
«Das haben Sie aber schön gesagt», behauptet er. Normalerweise schwatzt er den Menschen spielend zusätzliche Aufsätze auf. Einen für die Polstermöbel, einen für die Autositze. «Das ist doch was für Ihren Mann», sagt er gern. Und dann noch einen Aufsatz für den Parkettboden. «Soll doch keine Kratzer kriegen, oder?»
Nein, natürlich nicht.
«Jedenfalls», sagt Frau Tiedemann. «Ich brauche die Scheiße nicht.»
Klerpe kippt das dreckige Wasser ins Klo und verstaut den Sauger in seiner Tasche und die Aufsätze in seinem Koffer. Tiedemann drängelt den Verkäufer zur Haustür und wünscht ihm noch einen schönen Abend. Den hat Stefan Klerpe dann aber nicht.
Klerpe wird einen Höllenlärm veranstalten, das braucht er jetzt
Er sitzt allein am Küchentisch, in seinem Reihenhaus am Stadtrand. Schöne Gegend, nette Nachbarn – aber alles öde Spießer, die sich buchstäblich zu Tode langweilen. Die vor dem Fernseher verwesen und sich über Ausländer aufregen, obwohl es hier gar keine gibt. In diesem Reihenhaus ist seine Mutter gestorben: Elfriede Klerpe ist friedlich während der Tagesthemen «eingeschlafen». Da saß sie in ihrem ollen Sessel und es war gut. Jahrelang hatte sie gemeint, dass sie nun sterben werde. Neulich also wirklich.
Klerpe wird einen Höllenlärm veranstalten, das braucht er jetzt. Er wird jedes Zimmer gründlich saugen, jede Ecke, jede Ritze. Er besitzt alle Aufsätze, sogar den fürs Hamsterrad. Herr Klerpe steht auf, es geht an die Arbeit.