Short Story

Panik bringt nichts

Im Erdreich befindet sich noch ein freies Büro – zu erreichen mit einem alten Lastenaufzug. Was passiert dort unten?
Lesezeit: 5 Min.

Normalerweise würden Blumen auf dem Tisch stehen. Doch Jonathan Blech hatte nicht mal einen Tisch, auf dem Blumen hätten stehen können.

«Erster Tag?», hatte der Hausmeister ihn gefragt und unumwunden zugegeben, dass sich niemand gekümmert hatte. Der Hausmeister hieß Bernhard Bunkus. Gemeinsam liefen sie nun schon seit einer halben Stunde durch das Gebäude, Bunkus vorlaufend, die langen Flure entlang. Bunkus leise schimpfend: Es wäre mal wieder typisch, alles bliebe an ihm hängen.

Schließlich fanden sie ein Büro mit einem freien Tisch: ein leeres Einzelbüro am Ende des Flures. Es gab zwar keine Fenster, aber für die ersten Tage würde das doch gehen – oder? Bunkus sah Jonathan hoffnungsvoll an; er schwitzte und atmete keuchend. Dann hustete Bunkus plötzlich so heftig, dass ihm ein Backenzahn ausfiel. Geschickt fing er ihn mit der Hand auf und steckte ihn rasch in die Kitteltasche. Jonathan tat so, als hätte er das nicht gesehen.

«Also?»

Jonathan nickte zaghaft, das wäre wohl kein Problem. Er wollte endlich seine Ruhe haben.

Herr Bunkus machte ein wässriges Geräusch, verließ das Büro und schloss die Tür hinter sich.

Jonathan musste für einen Moment die Augen schließen. Fing doch wirklich gut an! Etwas brummte und surrte, es roch muffig und feucht wie in einem Familiengrab. Eine Wand war aus roher Erde, aus der Würmer krochen, sich windend. Jonathan vermutete, dass er sich tief im Erdreich befand – die Fahrt mit dem Lastenaufzug hatte erstaunlich lange gedauert. Der Hausmeister hatte kein Wort gesagt, nur schnaufend geatmet, während der ächzende Kasten sie hinab befördert hatte. Stöhnend, leidend und ratternd.

«Warten auf ein Ersatzteil», hatte Bunkus knapp erklärt, als der Aufzug zu heulen und jaulen begonnen hatte. Erleichtert war Jonathan schließlich ausgestiegen, Bunkus hatte wieder die Führung übernommen.

«Normalerweise geht das nicht, aber es ist unsere letzte Chance.»

Auf dem Schreibtisch standen ein PC und ein alter Monitor, lagen Maus und Tastatur. Alles staubig. Alles ölig. Technisch völlig veraltet.

«Ein Telefon müssen Sie sich organisieren – versuchen Sie es bei Herrn Glombinski, der arbeitet auch hier unten, Zimmer E89», hatte Bunkus erklärt.

Herr Glombinski sah ihn mit großen Glupschaugen an. Wie ein krötiges Tier, dachte Jonathan unwillkürlich. Das Weiße in seinen Augen war gelblich.

«Ein Telefon, ja? Muss ich bestellen, kann dauern, melde mich.»

Jonathan nickte. Sein Blick fiel auf die geöffnete Zehnerpackung Eier, die auf dem Schreibtisch von Herrn Glombinski stand. Drei Eier waren geköpft und leer, mutmaßlich ausgetrunken.

Jonathan kehrte in sein Büro zurück und fuhr den Rechner hoch. Er surrte, ratterte und klickte. Kryptische Fehlermeldungen erschienen auf dem Bildschirm, ein dringliches Piepen ertönte. Es roch verbrannt. Jonathan seufzte. Er zog den Stecker des Computers aus der Steckdose. Sicherheitshalber. Was sollte er tun? Die IT alarmieren – Glombinski fragen.

Der sah den Neuen irritiert an: «Sie waren schon einmal hier.»

«Stimmt», gab Jonathan zu. «Es geht um meinen Computer–»

«IT ist nicht meine Baustelle», brummte Glombinski. «Rufen Sie Mandelbaum an.»

«Aber ich habe doch kein Telefon.»

«Ist bestellt, dauert noch.»

«Könnten Sie–»

«Raus jetzt!»


Den restlichen Arbeitstag verbrachte Jonathan damit, den langen Flur auf und ab zu laufen. Er zählte außerdem die kaputten Leuchtstoffröhren; es waren acht Stück. Er begegnete niemandem, alle Bürotüren waren verschlossen.

Am Mittag verspeiste er gierig seine mitgebrachten Butterbrote, belegt mit Mortadella und dicken Gurkenscheiben. Danach war Jonathan kurz davor, Herrn Glombinski zu besuchen, um ihm seine Glupschaugen auszustechen. Gelber Schleim würde rauslaufen, klebriger Schleim. Stattdessen lauschte er an den Türen: Zimmer E81, E82, E83. Er hörte nichts und niemanden. Hörte nur sein Blut durch die Adern rauschen. Und es brummte immerzu, aber daran hatte Jonathan sich schon gewöhnt.

Um 16 Uhr war er der Meinung, genug getan zu haben. Der erste Arbeitstag war geschafft. Er warf die tote Maus in den Papierkorb, löschte das Licht und schloss die Bürotür. Morgen würde er sich beschweren – eigentlich war das eine Unverschämtheit, sie hatten seine Zeit verschwendet, er hatte nichts geleistet. Und doch war er müde und erschöpft. Wovon eigentlich?

Als Jonathan den Lastenaufzug betrat, stand in der Ecke bereits Herr Glombinski. Als hätte er auf ihn gewartet.

«Hab auf Sie gewartet.»

«Danke.»

«Wie war Ihr erster Tag?»

«Okay», log Jonathan.

Glombinski nickte. Er trug eine beigefarbene Jacke und hielt eine abgewetzte Ledertasche in der Hand.

«Drücken Sie mal», bat Herr Glombinski.

Es gab drei Knöpfe: Ebene -1, Ebene 0 und den Notruf. Rumpelnd, knackend und knarzend setzte sich der Kasten in Bewegung. Schwerfällig und zögernd, irgendwie widerwillig.
Glombinski hatte offenbar Schwierigkeiten, sich auf den Beinen zu halten. Er lehnte sich gegen die Blechwand, was der Lastenaufzug mit einem kurzen Knarzen quittierte. Jonathan wollte den Blick von seinem Kollegen abwenden, doch er konnte nicht: Er starrte Glombinski regelrecht an. Wie er da schwer atmend versuchte, nicht zu sterben. Diese gelben Glubschaugen. Dieses furchige Gesicht.

«Anstrengender Tag», erklärte Glombinski, als er Jonathans Blick bemerkte. Der Mann roch nach altem Schweiß. Jonathan atmete durch den Mund, doch der Luftzug tat an den Backenzähnen weh.

Dann gab es einen abrupten Ruck und das Licht ging aus. Sie standen still. Glombinski knurrte. Jonathan hörte, wie er die Ledertasche abstellte und an seiner Jacke nestelte. Plötzlich blickte Jonathan in ein grelles Licht.

«Panik bringt nichts», sagte Glombinski, der eine kleine Taschenlampe in der Hand hielt. Er wirkte erstaunlich gelassen, als er die Notruftaste drückte.

«Passiert das öfter?», fragte Jonathan, der seine Situation nicht fassen konnte, nicht fassen wollte. Er kapierte das alles nicht.

«Alle paar Tage», erwidert Glombinski und atmete laut aus.

«Na ja, und jetzt?»

«Bunkus muss oben den Alarm hören und den Aufzug neu starten.»

«Hoffentlich geht das schnell», sagte Jonathan mehr zu sich selbst, als Hoffnung gedacht.

«Halbe Stunde … Stunde», sagte Glombinski und schaltete die Taschenlampe wieder aus.