Short Story

Totenstille im Jenseits

Es geht um viel Geld und nur Andreas weiß, wo es sich befindet. Leider ist er tot. Seine Tochter muss ins Jenseits funken.
Lesezeit: 4 Min.

Nach der Séance war Anja schwer enttäuscht: Es hatte schon wieder nicht geklappt. Immerhin war es ihnen dieses Mal gelungen, kurz Kontakt mit Andreas Lochmann aufzunehmen – doch die Verbindung brach ab, bevor sie ihm die eine entscheidende Frage stellen konnte.

«Aufgelegt», scherzte das Medium und fügte eilig hinzu, dass die atmosphärischen Spannungen zu stark seien.

«Was bedeutet das?», fragte Anja.

«Schlechtes Seeing heute», antwortete das Medium und lächelte milde. «Die Sonnenstürme sind einfach zu heftig, außerdem stehen Jupiter und Saturn in einer ungünstigen Konstellation.»

Anja Lochmann erinnerte sich an die Worte ihres Therapeuten und atmete kräftig ein und aus. In der Wohnung des Mediums roch es nach Weichspüler.

«Es waren heute keine guten Voraussetzungen», resümierte das Medium achselzuckend, als wäre die Sachlage völlig klar.

Doch Anja verstand nichts von der Materie, und sie wusste kaum, wovon das Medium sprach.

«Es wäre halt schön gewesen, wenn es endlich mal geklappt hätte», sagte sie. «Das geht mir echt auf den Geist.»

«Nächste Woche klappt das, ich bin mir sicher. Jetzt muss ich aber los.»

Ihr Mann ist bei der Monstertruck-Show auf dem Real-Parkplatz

Gemeinsam verließen sie die Wohnung des Mediums. Während der Fahrstuhlfahrt erzählte Annika Klumpe, dass sie nachmittags als Medium und abends als Dildofee arbeitete. Um 18 Uhr begann heute die Dildoparty bei Frau Reinecke.

«Sie hat sturmfrei, ihr Mann ist bei der Monstertruck-Show auf dem Real-Parkplatz», plauderte Annika freimütig.

Sie hatten inzwischen den Parkplatz vor dem schmucklosen Plattenbau erreicht, und Anja schaute der Dildofee dabei zu, wie sie ihre Ausrüstung umständlich im Kofferraum verstaute.

«Der Job ist eigentlich ziemlich lustig», sagte Annika und stieg in ihren Polo, der mit seinen unterschiedlichen Farben wie zusammengeklaut aussah.

Anja Lochmann zündete sich eine Kippe an und saugte gierig an der Zigarette. Dann schlurfte sie zur Bushaltestelle.

Nach der missglückten Séance fuhr Anja zu ihrem neuen Freund. Sie wollte ihm endlich die Sache mit ihrem Vater erklären, um sich dann Geld von ihm zu leihen – also von ihrem Freund, denn Andreas Lochmann war ja tot. Als mittelmäßige Schaufensterdekorateurin verdiente Anja nicht viel, und die Séancen waren teuer: 60 Euro pro Sitzung!

«Also, pass auf», sagte Anja, als sie neben Mike auf dem Sofa lümmelte. «Der Kontakt ist wichtig, denn nur mein Vater weiß, wo das Geld versteckt ist – die paar Tausend Euro vom Banküberfall damals.»

Mike schaute auf sein Samsung-Smartphone und verfolgte die Kurse. Sie waren seit zwei Wochen zusammen.

«Andreas wollte das erst verjähren lassen, bevor er das Geld ausgab», fuhr Anja fort.

Anjas Freund gähnte versehentlich, ihn interessierte der Hokuspokus nicht. Er investierte lieber in ETFs und NFTs, das machte er alles am Handy.

Anja berichtete unbeirrt weiter und erzählte, dass ein bösartiger Tumor der Verjährung zuvorgekommen sei: «Am Ende ging es ganz schnell – zu schnell, das Versteck konnte er mir nicht mehr verraten.»

Andreas Lochmann wurde 61 Jahre alt. Er war schweigend gestorben und hatte seine einzige Tochter verzweifelt zurückgelassen. Nur manchmal kam Anja der leise Gedanke, dass er das Versteck gar nicht verraten wollte; dass es dieses Versteck womöglich gar nicht gab. Und das viele Geld.

Die Annonce hatte Anja zufällig bei der Entrümpelung in Andreas’ vollgestopfter Dachgeschosswohnung entdeckt. Die «Geisterjagd Heute» erschien halbjährlich, Andreas hatte sie seit seiner späten Jugend abonniert, und die vergilbten Jahrgänge stapelten sich neben seinem Bett. Fasziniert blätterte Anja durch die Hefte – eine völlig neue Welt tat sich ihr auf. Auf den hinteren Seiten stieß sie schließlich auf die Kleinanzeige: «Kontakt zu den Toten – garantiert!»

Doch auch beim vierten Besuch bei dem Medium, das auch als Dildofee arbeitete, wollte die Kontaktaufnahme nicht gelingen. Anja hatte trotzdem einen fünften Termin vereinbart, für den sie allerdings noch Geld brauchte.

«Bald sind wir reich», säuselte Anja, obwohl sie wusste, dass es eigentlich Unsinn war.

Ihr Freund gab ihr endlich das Geld und widmete sich wieder seinem Smartphone. Die Kurse würden steigen, das wusste er genau.